Das genaue Datieren von Dokumenten, Briefen, Inschriften, Notizen, Eintragungen, Publikationen, was die wichtigsten Belege sind, ist sowohl für die historische als auch für die linguistische Forschung in gleichem Maße und aus demselben Grund unerlässlich. Um historische oder linguistische Prozesse analysieren, interpretieren und verstehen zu können, muss man unter anderem ihre Chronologie kennen. Für die Sprachwissenschaft ist es von fundamentaler Bedeutung zu wissen, wann genau ein Wort, eine Wendung, eine Variante davon, eine inhaltliche Umdeutung, eine neue grammatikalische Regelung wie Verlust von Fallendungen, ein veränderter Genus, eine neue Funktion von Tempora oder Modi zum ersten Mal auftreten.
Dies ist zum Teil mit erheblichen Schwierigkeiten verbunden. Viele Dokumente, Briefe, vor allem Inschriften sind nicht datiert. Einige sind aus verschiedenen Beweggründen sogar absichtlich falsch datiert. Von anderen besitzt man bloß Fragmente und die Seite oder der Bereich, wo möglicherweise ein Datum stand, ist nicht erhalten.
Ein wesentlich größeres Problem stellt jedoch vor allem bei sehr alten Belegen der Umstand dar, dass zu verschiedenen Zeiten, an verschiedenen Orten sehr verschiedene Datierungssysteme im Umlauf waren. Das Umrechnen von Daten, auch von Jahreszahlen, von einem auf dem Mondzyklus basierenden Kalender wie jenem der Babylonier oder der Ägypter, auf unseren Jahreskalender ist nicht nur schwierig, es ist oft schlicht unmöglich, weil die Daten nicht für die Nachwelt bestimmt waren, bloß lokale und zeitlich beschränkte Bedeutung hatten. Oft genug erfährt man von einem Ereignis, dass es sich beispielsweise elfeinhalb Monde nach einem anderen Event ereignet hat, von dem man jedoch auch nicht weiß, wann genau es stattfand.
Doch auch später, nach der julianischen Kalenderreform war die Angelegenheit nicht wesentlich verlässlicher. Ich habe bereits im letzten Artikel (https://tuccillo.ch/wieso-am-1-januar/) erwähnt, dass im Mittelalter sogar der Jahresbeginn lokal ganz verschieden festgelegt war, da war’s zu Weihnachten, dort zu Ostern, in einer anderen Gegend zur Wintersonnenwende und anderswo zu Mariä Verkündigung. Aber es gab noch viel größere und verwirrendere Unterschiede: Am selben Tag konnte es sein, dass in Paris Montag war und in einem elsässischen Dorf noch Sonntag, dass in Sevilla bereits die Osterglocken läuteten und in Bayern erst Karfreitag war. Folglich sind auf amtlichen Dokumenten Datierungen wie ‹zu Sancti Petri et Pauli› oder ‹zu Sancti Martini›, um sie einem bestimmten Tag zuzuordnen, von der Kenntnis der örtlichen kalendarischen Ordnung und Gepflogenheit abhängig. Wenn das besagte Dokument jedoch aus welchen Gründen auch immer in einem Archiv auftaucht, das weit weg liegt von der Stadt, in der es verfasst wurde und die Hinweise auf den Erstellungsort unzureichend sind oder ganz fehlen, wird die zeitliche Einordnung noch schwieriger. Noch erschwerender kommt hinzu, dass nicht selten zwar ein ungefährer Tag, aber nicht das Jahr der Niederschrift erwähnt wird.
Eine der Ursachen für diese allgemeine Unsicherheit im Datieren und die daraus folgende geringe Bedeutung, die man während des Mittelalters einer genauen Zeitangabe zuschrieb, war der Julianische Kalender. Der Julianische Kalender hatte das Schaltjahr alle vier Jahre eingeführt, was die Verschiebung der Jahreszeiten zwar deutlich verlangsamte, jedoch nicht völlig aufhob. Ein Schaltjahr alle vier Jahre ohne eine Gegenkorrektur führt in 128 Jahren im Kalenderjahr gegenüber dem Sonnenjahr zu einer Abweichung von einem ganzen Tag. Im 16. Jahrhundert war der Frühling bereits um zehn Tage verschoben, was den Kalender in einer Agrarökonomie fast nutzlos macht.
Durch die Einführung des Gregorianischen Kalenders wurde die Schaltjahr-Problematik auf Jahrhunderte hinaus auskorrigiert. Der neue Kalender sieht folgende Schaltjahr-Regelung vor: Jede Jahreszahl, die durch 4 teilbar ist, entspricht weiterhin einem Schaltjahr von 366 Tagen. Ist jedoch die Jahreszahl zugleich durch 100 teilbar, fällt das Schaltjahr aus. Ist die Jahreszahl dann zugleich durch 400 teilbar, wird ein 29. Februar eingeführt, obwohl gleichzeitig ein Jahrhundert zu Ende geht.
Diese wissenschaftlich fundierte Korrektur hätte nun aus astronomischer Sicht alle Datierungsprobleme ein für alle Mal vom Tisch wischen können. Die weltweite Einführung des Gregorianischen Kalenders erwies sich indessen aus technischen Gründen und wegen politischer und kultureller Engstirnigkeit als schwierig und langwierig. Die technischen Probleme betrafen die damalige Langsamkeit der Kommunikation. Bis eine in Rom getroffene Entscheidung in Dundee, in Uppsala, Lissabon oder Krakau eintraf, dauerte es im günstigsten Fall mehrere Tage. Weitere Tage oder sogar Wochen mussten verstreichen, falls der Erlass noch zusätzliche Klärungen vor seiner Umsetzung erforderte. Zum politischen und kulturellen Mangel an Bereitschaft, eine universelle Lösung zu akzeptieren, werde ich gleich noch kommen.
Am 24. Februar 1582 erließ Papst Gregor XIII. durch die päpstliche Bulle ‹Inter gravissimas›, dass auf den 4. Oktober 1582, statt dem 5. Oktober, direkt der 15. Oktober 1582 folgen würde, wodurch die von der julianischen Schaltjahr-Regelung verursachte zehntägige Verschiebung der Jahreszeiten aufgehoben wurde. Von Februar bis September hatten die päpstlichen Gesandten also genügend Zeit, alle Fürstentümer, Kolonialverwaltungen und Republiken zu erreichen und ihnen den neuen Kalender und dessen Vorzüge vorzustellen und zu empfehlen.
Da sich den neuen Kalender zwar unverdächtige Astronomen und Mathematiker ausgedacht hatten, aber der Papst, das Oberhaupt einer Kirche, gegen die in weiten Teilen Europas und der Welt politische und religiöse Animositäten aufflammten, unter seinem Namen verkünden wollte, regten sich mancherorts irrationale bockbeinige Widerstände, die das Desaster — meistens allein zum Nachteil der sich Weigernden! — sogar noch verheerender machten.
Sofort — das heißt: bereits am 5. Oktober 1582, der nun der 15. Oktober war — übernahmen die katholischen Länder Italien, Spanien, Portugal und Polen den neuen Kalender. Etwas später, aber noch im Dezember desselben Jahres folgte Frankreich. Erst 1584, also zwei Jahre später schloss sich auch Österreich an.
Die protestantischen Länder zögerten: die evangelischen Gebiete Deutschlands übernahmen die kalendarische Reform zum Teil erst um 1700 — also nach 118 Jahren. In der Schweiz folgten die reformierten Gebiete ein Jahr später, meist 1701, aber in eidgenössisch gewohntem Kleinkantönchenkleingeist durchwegs uneinheitlich. Es kam sogar vor, dass in derselben Kantons-, Kirchen- oder Gemeinde-Verwaltung die einen Funktionäre die Vorteile des Gregorianischen Kalenders erkannten und applizierten, während andere sich noch am Julianischen festbissen, zum Teil sogar mit merkwürdigen, an den Haaren herbeigezogenen und eigenmächtig eingeführten Behelfskorrekturen.
England — und damit auch die amerikanischen Kolonien — rangen sich erst 1752 durch, die neue Kalender-Ordnung anzunehmen, und inzwischen war es nötig, statt der von Gregor XIII. dekretierten zehn sogar elf Tage zu überspringen, um den Frühling wieder sonnenhaft winterwärts zu rücken.
Bizarrer war es in Schweden: Der Übergang begann zwar ungefähr wie in Deutschland um 1700. Der Prozess zog sich jedoch bis ins Jahr 1753 hin und führte zu äußerst kuriosen lokalen Zwischenlösungen, die vorsahen, für verschiedene Belange verschiedene Datierungssysteme anzuwenden: Es gab — nicht im ganzen Land, aber in verschiedenen Regionen — gleichzeitig und nebeneinander kirchliche, strafrechtliche, zivilrechtliche, verwaltungstechnische Datierungssysteme.
Russland war mit dem Jahr 1918 zwar sehr spät dran, sodass der nach dem alten Kalender ‹Oktoberrevolution› genannte blutige Aufstand eigentlich im November stattfand! Aber Russland wurde noch von Griechenland übertroffen, das den Gregorianischen Kalender, auch wenn zähneknirschend, 1923 einführte.

