Vor wenigen Wochen wurde der SSC Napoli, die Fußballmannschaft Neapels, italienischer Meister, und die Stadt war darauf tage- und nächtelang ausgelassen am Feiern. In Neapel ist die Zahl der Fußballfans besonders hoch, und so hatte das Fußballfieber gleich die ganze Metropole erfasst! In dieser Rubrik soll aber selbstverständlich nicht von Fußball die Rede sein — vom Fieber schon eher: denn ‹Tifo›, wie das Fußballfieber, die Begeisterung, die unbändige Leidenschaft für eine Mannschaft in Italien genannt wird, ist zugleich auch das Wort für ‹Typhus›, für das ‹typhoide› oder ‹enterische Fieber›, für die systemische Infektionskrankheit, die durch das Bakterium ‹Salmonella enterica› hervorgerufen wird. In der Sportsprache gibt es denn auch den Ausdruck ‹tifoso› für den Fan und das Verb ‹tifare› oder die verbale Wendung ‹fare il tifo› für das enthusiastische, eben fiebrige Anfeuern eines Sportlers oder einer Mannschaft.
Es kommt häufig vor, dass ein medizinischer Fachausdruck mit der Zeit auch eine volkstümliche und meistens etwas verzerrte Bedeutung bekommt. So hört man hin und wieder jemanden von Alzheimer reden, wenn er bloß Vergesslichkeit meint, oder von Paranoia anstelle von Überängstlichkeit. Und dies ist auch die Erklärung, die man nicht selten selbst in seriösen Publikationen findet: Die als ‹tifo› bezeichnete Sportbegeisterung sei entstanden, weil der ekstatische Enthusiasmus des Fans mit dem fieberhaften Rausch assoziiert worden sei, den die Typhuserkrankung auslösen kann.
Nun verhält es sich jedoch in diesem Fall genau umgekehrt! Die heute volkstümliche Bedeutung ist älter als der medizinische Terminus!
Das Wort ‹Typhus› leitet sich vom Griechischen ‹τῦφος› [typhos] ab, was konkret Dunst, Nebel, Rauch, Dampf bedeutet, aber bereits in der klassischen antiken Literatur wird der Ausdruck auch im übertragenen, metaphorischen Sinne für einen benebelten Geisteszustand oder für Umnebelung der Sinne verwendet. In späteren griechischen Texten, etwas in der Septuaginta, der ältesten bekannten altgriechischen Fassung der Bibel, wird der Begriff nur noch metaphorisch verwendet. Im hippokratischen Corpus bezeichnet Typhos nicht eine Krankheit, sondern jede Art von Wahn, Delirium, Verwirrtheit.
Aus dem Griechischen wurde das Wort als ‹typhus› in die lateinische Sprache übernommen und erfuhr eine weitere drastische Bedeutungsverschiebung: im mittelalterlichen Latein der Kirche bedeutet ‹typhus› ausschließlich Überheblichkeit und Hochmut! Oft wurden mit Typhus auch die verzweifelten Schreie der gefolterten oder der auf dem Scheiterhaufen verbrannten Ketzer und Hexen bezeichnet.
Erst im 18. und 19. Jahrhundert wurde das Wort als Terminus technicus, als ‹Typhus exanthematicus› (Fleckenfieber) und als ‹Typhus abdominalis› (Bauchtyphus), durch Gerhard von Swieten (1700-1772), Alexandre Louis (1787-1872) und William Jenner (1815-1898) in die Sprache der Medizin aufgenommen und etabliert.
Der alte Name des Erregers ‹Salmonella typhi› ist, obwohl dieser aus Gewohnheit und aus praktischen Gründen immer noch häufig verwendet wird, inzwischen offiziell durch ‹Salmonella enterica› ersetzt worden.

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