Vom Zeichen für ein Wort zum Zeichen für einen Laut

Alberigo TuccilloGeschichte, Gesellschaft, Sprache 4 Kommentare

Die Erfindung der Schrift hat sich unabhängig voneinander bei verschiedenen Völkern zu verschiedenen Zeiten an weit voneinander entfernten Orten wiederholt. Die weitaus meisten ältesten Schriftarten bestanden aus so genannten Logogrammen, aus Zeichen für jeweils ein ganzes Wort, beispielsweise ‹👁› für ‹Auge›, ‹🌙› für ‹Mond›, ‹Mondsichel› oder ‹🐟› für ‹Fisch›. Auch die heute verwendeten Piktogramme wie ‹🚻› für ‹Toilette›, ‹🚮› für ‹Müll bitte hier entsorgen›, ‹🛅› für ‹Schließfach› sind Logogramme. Sie sind insofern sehr praktisch, als sie leicht zu deuten und zu verstehen und darüber hinaus von der Sprache der Angesprochenen unabhängig sind. So bedeutet ‹🐟› zwar ‹Fisch›, aber gleichzeitig auch ‹ἰχθύς› [íchtis], ‹piscium›, ‹fish›, ‹pesce›, ‹ryba›, ‹hal›, ‹arraina›, ‹fisk›, ‹לָדוּג› [ladug], ‹pez›, ‹سمكة› [samaka] und dasselbe in allen nicht aufgelisteten Sprachen. So können Chinesinnen und Chinesen, die verschiedene Sprachen sprechen, welche aber dieselbe Wortschrift verwenden, zwar schriftlich miteinander kommunizieren, würden einander jedoch mündlich nicht verstehen.

Doch die Wortschrift hat auch Nachteile: ‹👁› kann für ‹Auge› stehen, aber auch für ‹Augen›, für ‹sehen›, für ‹schauen›, für ‹jemand sieht dich›, für ‹ich sehe dich›, ‹ich schaue dir zu›, ‹Big Brother Is Watching You›, ‹schau gut hin!›, ‹sei wachsam›. Das Substantiv verrät Fall und Zahl nicht, das Verb weder Konjugationsform noch die Zeit und schon gar nicht den Modus. Adjektive und Adverbien sind mit Logogrammen kaum auszudrücken und Präpositionen überhaupt nicht. Darüber hinaus sind Piktogramme aufwändig und widersetzen sich der flinken Niederschrift, die für schnelle Notizen, sofortige Anmerkungen, Eintragungen in Listen und Tabellen nötig wäre.

Dem zweiten Problem ist man beispielsweise im Chinesischen durch Stilisierung und Abstraktion der Zeichen begegnet. Das Wortzeichen für ‹Pferd› hat sich schrittweise von einer bereits stilisierten grafischen Darstellung zum reinen konventionellen Zeichen gemausert:

Das traditionelle Zeichen ‹馬› [mă] (Pferd) ist schließlich weiter zu ‹马› vereinfacht worden, in dem zwar nichts mehr von der Erkennbarkeit des Gemeinten der ursprünglichen Zeichnung erhalten geblieben ist, das aber noch immer eindeutig ‹Pferd› bedeutet — und unabhängig davon, wie es Lesende aussprechen würden.

Einen entgegengesetzten Weg schlugen die Phöniker ein: Das Wort ‹’alep› (Ochse) stellten sie ursprünglich piktografisch durch die Zeichnung eines Ochsenkopfs dar. Mit der Zeit hielten sie jedoch nicht an der Bedeutung des Wortes fest, sondern lediglich am Lautwert ‹’a›, am glottalen Plosiv (Knacklaut in hinteren Gaumen), den wir ungefähr in ‹Postamt› haben und der in semitischen Sprachen wie Arabisch, Hebräisch und Aramäisch viel häufiger vorkommt. Aus dieser ersten phönikischen Abstraktion entstanden das arabische ‹ا› (alif), das hebräische ‹א› (alef), das griechische ‹A› (Alpha) und das lateinische ‹A›, und erst im Griechischen wurde das A zum echten selbstklingenden Vokal.

Dasselbe geschah für alle weiteren Laute, zuerst für Konsonanten, später auch für Vokale. Aus dem Wort ‹bait› (Haus) wurden der hebräische Buchstabe ‹בּ› (bet), das griechische und lateinische ‹B› gebildet. Und so entstanden die Alphabete, die Lautschriften, bei denen die Zeichen nicht mehr für eine Bedeutung standen, sondern für einen Laut, das seinerseits in Kombination mit anderen Lauten als phonetisches Zeichen für ein Wort oder einen Begriff stand.

Heute werden noch verschiedene Alphabete aktiv genutzt, wobei das lateinische Alphabet das am weitesten verbreitete ist und von fast siebzig Prozent der Weltbevölkerung verwendet wird. Zu den heute noch gebräuchlichen Alphabeten gehören:

Lateinisches Alphabet: Ist das am häufigsten verwendete Alphabet, Grundlage für viele Sprachen weltweit, darunter Deutsch, Englisch, Spanisch, Französisch, Italienisch, Niederländisch, Dänisch, Schwedisch, Finnisch, Ungarisch, Baskisch und viele weitere.
Arabisches Alphabet: Wird neben Arabisch auch in mehreren indoeuropäischen Sprachen wie Farsi, Dari, Paschtu, Urdu, Sindhi verwendet. (Bis ins Jahr 1928 auch für das Türkische!)
Hebräisches Alphabet: Wird für Hebräisch (Iwrit), aber auch für Jiddisch verwendet.
Kyrillisches Alphabet: Wird in mehreren slawischen Sprachen verwendet, darunter Russisch, Ukrainisch, Weißrussisch, Bulgarisch und Serbisch. (Auch für Turk-Sprachen im Gebiet der ehemaligen Sowjetunion.)
Griechisches Alphabet: Wird für die griechische Sprache verwendet und war der Ursprung sowohl des etruskischen, des lateinischen als auch des kyrillischen Alphabets.
Armenisches Alphabet: Ein eigenständiges Alphabet mit 39 Buchstaben, das im 5. Jahrhundert entstand.
Georgisches Alphabet: Wird ausschließlich für die georgische Sprache verwendet.

Auch in Alphabet-Schriften sind die Zeichen jedoch stets mehreren Lauten zugeordnet. Deutsch haben wir beispielsweise die Vokale A, E, I, O, U plus die Umlaute Ä, Ö und Ü. Doch wenn wir das Zeichen ‹O› im Wort ‹Topf› und im Wort ‹Bohne› vergleichen, merken wir, dass derselbe Buchstabe für mindestens zwei verschiedene Vokale stehen kann. Ebenso klingen die ‹E› in ‹Elbe› [ˈɛlbə] nicht wie die ‹E› in ‹Esel› [ˈeːzəl] und erst recht nicht wie das stumme und das abschließende in ‹Liebe›. Auch Konsonanten klingen nicht in jedem Wort gleich: Das ‹H› in ‹Haus› hat eine andere phonetische Bedeutung als jenes in ‹Lohn›; das ‹R› in ‹Rad› klingt nicht wie jenes in ‹nur›; das ‹G› in ‹Gurke› steht für einen anderen Laut als in ‹König›.

Mit dem Zweck, die Aussprache von Lauten oder Lautketten möglichst exakt wiederzugeben, hat man Schriftsysteme, die Lautschriften (auch phonetische Schriften) entwickelt, um alle verschiedenen Konsonanten und Vokale einer jeweiligen Sprache auch unterscheidbar darzustellen. Lautschriften spielen vor allem beim Erlernen von Fremdsprachen und in der Linguistik eine wichtige Rolle.

Die präziseste und zu wissenschaftlichen Zwecken international verwendete phonetische Schrift ist das IPA (International Phonetic Alphabet). Interessierten sei die vortreffliche einschlägige Wikipedia-Seite empfohlen, zu der ich hier verlinke:

https://de.wikipedia.org/wiki/Liste_der_IPA-Zeichen


Kommentare 4

  1. Super interessant! Ich finde es sehr sehr spannend, wie sich aus der ursprünglichen Bilddarstellung die späteren Buchstaben entwickelt haben.
    Vielen Dank für diesen schönen Artikel, lieber Alberigo!

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      Danke für deinen geschätzten Kommentar, liebe Silke. Ich freue mich jedes Mal sehr über deine wohlwollenden Reaktionen! 💖

  2. Einfach wunderbar! Da habe ich wieder einmal vieles gelernt, über das ich mir bis anhin nicht einmal gross Gedanken gemacht habe. Vielen Dank dafür, Alberigo!

    1. Post
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