Von der Heldin zum Dummerchen

Alberigo TuccilloSprache Schreibe einen Kommentar

Im Jahr 14 oder 15 entführte Arminius, der Sohn des germanischen, genauer cheruskischen Grafen Segimer, die Tochter des ebenfalls cheruskischen, aber römerfreundlichen Segestes und heiratete sie. Die Tochter Thusnelda war wahrscheinlich mit der Entführung einverstanden und kollaborierte. Doch die Geschichte verschärfte die Spannungen zwischen den beiden Familien und führte zu gewaltsamen Auseinandersetzungen. Segestes, dem Vater Thusneldas, gelang es, Arminius in seine Gewalt zu bringen und ihn eine gewisse Zeit lang in Gewahrsam zu halten. Wie sich Arminius schließlich befreien konnte oder ob er freigelassen wurde, weiß man nicht. Was hingegen als gesichert gilt, ist, dass Thusnelda nie und unter keinen Umständen daran dachte, zum Vater zurückzukehren. Sie hielt auch während der Gefangenschaft des Ehemannes zu Arminius und blieb ihm in jeder Hinsicht treu. Durch Hilfe des römischen Feldherrn Claudius Germanicus, dem Vater des berüchtigten Caligula und Großvater Kaiser Neros, gelang es Arminius, sich zusammen mit Thusnelda zuerst nach Köln, dann definitiv nach Ravenna zu retten, wo sie ihren Sohn Thumelicus gebar.

‹Thusnelda›, Nobildonna germanica, Loggia dei Lanzi, Firenze

Diese als vorbildlich gewertete Haltung Thusneldas machte sie vornehmlich während der deutschen Romantik zum Sinnbild und zur Verkörperung der ehelichen Treue. Im 19. Jahrhundert war Thusnelda in Deutschland ein beliebter Vorname, aber auch Frauen, die nicht so hießen, wurden oft eine Thusnelda genannt, wenn man ausdrücken wollte, dass sie sich in besonderem Maße für den familiären Zusammenhalt engagierten.

Nach und nach begann der Name jedoch einen ironischen Beigeschmack anzunehmen. Immer stärker wurde geargwöhnt, dass eine Thusnelda ihr vermeintliches Engagement nicht aus freien Stücken und aus Überzeugung, sondern bloß aus unkritischem und naivem Schlüpfen in eine vorgegebene Rolle leben konnte. Immer häufiger wurde aus dem einst rühmlichen Vornamen der zunehmend despektierliche Diminutiv ‹Tusschen›, Synonym von ‹Dummerchen› — eine vielleicht attraktive, modebewusste, aber allzu ich-bezogene, oberflächliche, unkritische, völlig konformistische Frau.

Daraus wurde in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts zunächst ‹Tusse› und seit den Neunzigern vorwiegend in der Jugendsprache die ‹Tussi›: abwertend für eine weibliche Person, der man zwar nichts Schändliches unterstellt, die man jedoch auch nicht ernst nehmen kann.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert