Von der Schwäche, ein Idiot zu sein

Alberigo TuccilloGeschichte, Gesellschaft, Sprache 2 Kommentare

Angesichts der öffentlichen Äußerung eines einflussreichen, mächtigen Unternehmers, der Empathie als die ‹fundamentale Schwäche der westlichen Zivilisation› bezeichnet, da er die Ansicht vertritt, dass sie die Fähigkeit der Menschen einschränkt, starke und egoistische Entscheidungen zu treffen, wären Psychopathologie und Linguistik gleichermaßen gefordert, das Statement zu deuten und zu gewichten. Allerdings muss sich aus Gründen meiner limitierten Fachkompetenz die Untersuchung in diesem Artikel rein auf den sprachlichen Aspekt beschränken und Beurteilung sowie Klärungen von psychologischen und gesundheitlichen Fragen den zuständigen Disziplinen überantworten.

Ein Idiom ist die eigentümliche Sprache eines einzelnen Sprechers oder einer einzelnen Sprecherin (Idiolekt), die besondere Sprachvariante einer geografisch begrenzten Population (Regiolekt), oder die sprachliche Eigenart einer sozialen Schicht (Soziolekt). Nach Eberhards Wörterbuch (1910) bezeichnet Idiom «überhaupt jede Spracheigenheit und Spracheigentümlichkeit, dann die Summe dieser Spracheigentümlichkeiten innerhalb einer Sprache, daher dann auch die Volkssprache, die Mundart in ihrer Eigenheit. Es ist […] lediglich ein technischer Ausdruck der Sprachwissenschaft und legt den Nachdruck auf die besonderen Spracheigenheiten der Volkssprache sowie im allgemeineren Sinne jede eigentümliche selbstständige Sprache.» — Folglich: Die Gesamtheit aller ihn charakterisierenden sprachlichen Ausprägungen eines Menschen — von der Aussprache über die Neigung zu einer bestimmten Wortwahl, zur Komplexität seiner Sätze, dem Tonfall, der Betonungen — sind sein Idiom.

Das Wort ‹Idiom› ist aus dem Griechischen übernommen — ‹ἰδίωμα› [idíōma] (Besonderheit, Eigenart) — und leitet sich ab von ‹ἴδιος› [idios] (eigen, den Einzelnen betreffend, das allein ihn Angehende und Ausmachende). So war bei den alten Griechen das ‹Idiom› nicht bloß die rein persönliche und charakteristische Sprache eines Individuums, sondern ganz allgemein das, was seine Persönlichkeit auszeichnete: seine Vorlieben, seine Abneigungen, seine Gebärden, seine Freundlichkeit, Geschicklichkeit, Klugheit, Schroffheit, Tollpatschigkeit, Dummheit, seine Vorzüge, seine Marotten…

Das Individuum — das nicht Teilbare! — ist ja gerade die Summe aller Eigenschaften, die es ausmachen! Somit ist das ‹Idios› jedes und jeder Einzelnen das, was uns zu Individuen macht; letztlich ist es unser Wesen.

Nun schließt das Eigene, das Persönliche, das uns Angehende und Ausmachende nicht aus, dass wir uns auch um das ‹Idios›, um das Schicksal, um die Freuden und die Leiden anderer kümmern können und sollen.

Auch im alten Griechenland gab es Menschen, die im eigenen ‹ἴδιος› [idios] gefangen blieben und unfähig waren, sich auch um den ‹ἄλλος [allos] (der andere), um die ‹κοινωνία› [koinōnía] (die Gemeinschaft) und um die ‹πόλις› [polis] (die Stadt, die Gesellschaft, der Staat) zu sorgen und für Mitmenschen Empathie zu haben.

Auch für diese Unfähigkeit hatten die Griechen eine Bezeichnung, die sie ebenfalls aus dem Wort ‹ἴδιος› [idios] (eigen, den Einzelnen betreffend, das allein ihn Angehende und Ausmachende) schöpften: Menschen, die nur an sich und an das eigene Wohl dachten, waren ‹ἰδιώτης› [idiōtēs] (gänzlich auf sich selbst Bezogene, völlig Unfähige, ein Mitgefühl zu entwickeln).

Freilich hat das Wort ‹Idiot› heute eine leicht andere Bedeutung, doch es ist nicht von der Hand zu weisen, dass man bei pathologischem und sogar öffentlich gefordertem Empathie-Mangel unweigerlich eine Verbindung zwischen dem antiken und dem modernen Sinn des Begriffs sieht.

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