Die indoeuropäische Wurzel ‹*les› bedeutete ‹Verstreutes zusammentragen, Umherliegendes einsammeln, ernten, an einen bestimmten Ort bringen, zum Beispiel von Abgaben, von Beschlagnahmtem, von Kriegsbeute oder Opfergaben›. Mit derselben Bedeutung bildeten sich daraus das Althochdeutsche ‹lesan›, das Gotische ‹lisan›, das Altenglische ‹lesan›. Im Neuhochdeutschen erinnern an diese ursprüngliche Bedeutung noch Wörter wie ‹Weinlese› (Traubenernte) und ‹Federlesen› (langes Zaudern beim Auslesen) oder eben das Verb ‹auslesen› — Mittelhochdeutsch ‹ūʒlesen› — selbst. Auch das Adjektiv ‹leer› geht auf dieselbe Wurzel zurück: Wenn ein Korb, ein Eimer, ein Topf leer ist, kann man damit etwas einsammeln oder darin etwas aufnehmen. Wenn das Behältnis hingegen nicht leer ist, dient es zur Lese kaum.
Wie und wann kam es zum Bedeutungswandel vom Zusammentragen, Horten und Einsammeln zum Deuten und Verstehen von Texten? — Bereits das lateinische Verb ‹legere› hatte dieselbe Bedeutung und Wurzel wie das althochdeutsche ‹lesan›. Auch ‹legere› bedeutete ursprünglich ‹sammeln› — allerdings bezeichnete es bereits früh und metaphorisch auch das Sammeln von Eindrücken, Kenntnissen, Erfahrungen, folglich das charakterliche und geistige Reifen, die Bildung.
Überbleibsel aus dem Übergang von ‹Sammeln› zu ‹Texte entschlüsseln› findet man noch in ‹nec legere› (nicht sammeln), aus dem das französische ‹négligeant› (nachlässig) oder das italienische ‹negligenza› (Nachlässigkeit) entstanden sind.
Da das Lesen sowohl im Sinne von ‹Einsammeln von Weintrauben, um daraus Wein zu keltern› als auch im Sinne von ‹Einsammeln und Deuten von Buchstaben, Silben, Wörtern und schließlich Interpretieren von ganzen Texten› vorwiegend in Klöstern geübt wurde, wo man meistens Latein, zunehmend aber auch Volkssprache sprach, wurde der lateinische Bedeutungswandel von ‹legere› auch im Gotischen ‹lisan› und im Althochdeutschen ‹lesan› nachempfunden. Bereits Mittelhochdeutsch hatte ‹lesen› vornehmlich die heutige Bedeutung.
So konnten fortan nicht nur belesene Mönche einen Krug erlesenen Weines beim Lesen der Bibel leeren, sondern auch Bäuerinnen, Handwerker, Händlerinnen, Kutscher und Adlige hatten die Möglichkeit, sich auch profanen Lektüren hinzugeben. Und wer nicht lesen konnte, musste sich die Texte vorlesen lassen.
‹Lesung›, ‹Lektüre›, ‹Lektorat›, ‹Lektion›, ‹Legende›, ‹Lexikon›, ‹Intellekt›, ‹Intelligenz›, ‹belesen›, ‹leserlich›, ‹Kollekte›, ‹kollektiv›, ‹Leere›, ‹Leerung›, ‹elegant›, ‹Eleganz› und viele mehr gehen alle auf dieselbe protoindoeuropäische Wurzel ‹*les› zurück.


