Den Begriff ‹Gnosis› bringt man üblicherweise und in erster Linie mit Religion in Verbindung, doch er hat — was uns hier besonders interessiert — vor allem in seinen Ableitungen und Derivationen, auch für die Medizin fundamentale Bedeutungen. Einige dieser Bedeutungen sollen hier unter die Lupe genommen werden. Während in den Religionswissenschaften unter ‹Gnosis› oder unter der latinisierten Form ‹Gnostizismus› verschiedene Religionslehren und religiöse Gruppierungen der ersten Jahrhunderte nach Christus, vornehmlich des frühen Christentums, verstanden werden, ist in der Neuropsychologie mit ‹Gnosis› die Fähigkeit gemeint, mittels derer etwas Gesehenem, Gehörtem, Getastetem oder irgendwie durch die Sinne Wahrgenommenem eine spezifische Bedeutung zugeordnet wird, die weit über die Summe der einzelnen physikalischen Informationen wie Farbe, Helligkeit, Klang, Temperatur, Härte und Beschaffenheit hinausgeht und deren sich die Wahrnehmenden nicht zwingend bewusst sein müssen. So wird beispielsweise jeder Mensch mit einer gesunden Gnosis die Stimme einer oder eines Bekannten auch in einer Tonaufzeichnung eindeutig erkennen und dieser Person zuordnen können, ohne in der Lage zu sein zu sagen, welche genauen Besonderheiten in der Aussprache, in der Diktion und im Tonfall die unmittelbare Identifikation der Stimme ermöglichen. Ebenfalls der Gnosis als neurologische Fähigkeit, also als Hirnleistung ist zuzuschreiben, dass jeweils nicht bloß die sprechende Person erkannt wird, sondern zugleich deren momentaner Gemütszustand, die Verfassung, die Freundlichkeit oder die Feindseligkeit einer Äußerung.
Der Begriff ‹Gnosis› ist die direkte Übernahme in Laut und Bedeutung des griechischen Wortes ‹γνῶσις› [gnōsis] (Kenntnis, Erkenntnis, Wissen, Deutung). Im Falle des krankheits- oder unfallbedingten Verlusts oder des angeborenen Fehlens dieser gnostischen Fähigkeiten spricht man von ‹Agnosie›, was sich zusammensetzt aus, ‹γνῶσις› [gnōsis], wie bereits geklärt, und ‹Alpha privativum› — auch verneinendes ‹α-› genannt —, also ‹ αγνῶσις› [agnōsis] (Unwissen, Unverständnis). Den Begriff‹Agnosie› für neuropsychologische Symptome, die nach bi- oder unilateralen kortikalen Läsionen auftreten, hat 1891 Sigmund Freud eingeführt. Dieser Terminus bezog sich ursprünglich einzig auf das visuelle System. Freud fasste darunter alle Unvermögen zusammen, bei denen Patienten trotz vorhandener Sehfähigkeit nicht in der Lage waren, Dinge in ihrer Funktion zu benennen — beispielsweise an einem Gegenstand fünf längliche Ausstülpungen zu sehen, den Gegenstand selbst aber nicht als Handschuh zu erkennen. Heute ist der Begriff auf alle Modalitäten der Sinneswahrnehmung ausgeweitet und die betroffene Modalität genauer wird spezifiziert und differenziert: visuell, auditiv, taktil.
Eine besondere und ausführlich beschriebene Agnosie ist beispielsweise die ‹Prosopagnosie› von ‹τὸ πρόσωπον› [tò prósōpon] (das Gesicht) und ‹ἡ ἀγνωσία› [hē agnōsía] (nicht erkennen). Diese Agnosie wird auch als Gesichtserkennungsschwäche oder Gesichtsblindheit bezeichnet. Es handelt sich um die Unfähigkeit, Personen anhand ihres Gesichtes zu erkennen. An Prosopagnosie leidende Personen können zuweilen ihre gnostische Schwäche durch Gedächtnisleistungen kompensieren. Sie wissen beispielsweise: «Rudolf hat eine kleine Narbe oberhalb der linken Augenbraue und ein Muttermal rechts unterhalb des Kieferbogens, und Maria hat unterschiedlich große Nasenlöcher, eine kleine Wucherung an einem Ohrläppchen und blaue Augen…», was andere, die nicht gesichtsblind sind, gar nicht wissen, nicht bemerken, dafür aber die Gesichter als Ganzes erkennen. Es genügt jedoch jeweils, wenn Rudolf oder Maria eine andere Frisur haben, einen neuen Hut aufsetzen oder die Brille wechseln, und die an Prosopagnosie Leidenden erkennen sie dann überhaupt nicht mehr.
Weitere medizinische Fachtermini, die vom Wort ‹Gnosis› abgeleitet sind, sind ‹Diagnose› und ‹Prognose›. Das aus ‹διά-› [diá-] (durch) und ‹γνώσις› [gnósis] (Erkenntnis, Urteil) bestehende Wort ‹διάγνωσις› [diágnosis], bedeutet letztlich ‹Entscheidung› und meint die Gesamtheit der Entscheidungen über die adäquaten Maßnahmen und Vorkehrungen, die eine Ärztin oder ein Arzt aufgrund von Untersuchungsdaten und Messungen treffen muss. In diesem Licht erscheint der Begriff ‹Differentialdiagnose› pleonastisch, hat sich jedoch eingebürgert und hat durch den Gebrauch selbstverständlich seine Berechtigung.
Die Prognose, von Griechisch ‹πρόγνωσις› [prognosis] (Vorwissen, Vorahnung, auch Vorhersage, Prophezeiung) ist eine Aussage über Ereignisse oder Entwicklungen in der Zukunft. Die Prognose unterscheidet sich im modernen, vor allem im medizinischen Sprachgebrauch von anderen Aussagen über die Zukunft, etwa von der Prophezeiung, durch ihre Wissenschaftlichkeit und durch strikte empirische Fundiertheit.


Kommentare 2
Wieder einmal überaus interessant!
Und einmal mehr meine laienbedingte Frage: steht der Begriff „Agnostiker“ ebenfalls in einem Zusammenhang mit „Gnosis“?
Author
Ja, sehr schön, Sabina! Du ahnst es: Es gibt einen Zusammenhang! Während der Atheist der Überzeugung ist, dass es einen Gott oder Götter nicht gibt, geht der Agnostiker davon aus, dass die Existenz eines übernatürlichen Wesens, eines Gottes oder von Göttern rational zwar nicht endgültig ausgeschlossen werden kann, aber grundsätzlich nicht zu klären oder zu erkennen ist und daher für das Dasein keine Bedeutung hat. ‹γνωστικός› [gnōstikós] (erkenntnisfähig, einsichtig) und negierendem Alpha ‹ἀ-› [a-] (also: nicht); man könnte den Agnostizismus etwa als ‹Lehre der Unerkennbarkeit› bezeichnen.