Was man seit der Eroberung Trojas nicht alles in Pferde pfercht!

Alberigo Tuccillo Sprache Leave a Comment

Vor ein paar Tagen hat jemand auf Facebook das Verb ‹pferchen› erklären wollen. Das finde ich löblich. Aus nicht nachvollziehbaren Gedankengängen heraus werden aber in der völlig falschen, ja grotesken Erklärung das Wort ‹pferchen› und das Wort ‹Pferd› in dieselbe Etymologie gepfercht. Das finde ich weniger löblich. — Ich habe große Mühe, dies zu verstehen! Wenn man die Abfahrtszeit des Zuges nach Mailand, den Leitzins der Nationalbank, die Paralleltonart zu C-Moll oder das Atomgewicht von Quecksilber kennen möchte, schaut man doch einfach in einem seriösen Buch oder auf einer verlässlichen Website nach! Warum hält man es dann bei der Sprache so oft für ein taugliches Vorgehen, sich auf ein vages und trügerisches Bauchgefühl zu verlassen? Und warum behält man dann die auf diese Weise zustande kommenden verbalen Darmkoliken nicht für sich?

Beide Wörter sind höchst interessant und verdienen einen eigenen Eintrag. Um den Karren jedoch nicht vor das Pferd zu spannen, nehmen wir uns hier zuerst einmal das Tier vor und pferchen das Pferchen in den nächsten Post.

Wenn man ein bisschen Erfahrung hat, ahnt man, dass das Wort ‹Pferd› nicht einheimisch, nicht germanisch ist, sondern nach Latein riecht. Und in der Tat sind die autochthonen Wörter für das Tier nicht ‹Pferd›, sondern ‹Ross› und ‹Gaul›. — Althochdeutsch und Altisländisch ‹hross› gehen auf die protoindoeuropäische Wurzel ‹*hǝr› (rennen) zurück. Daraus Englisch ‹to hurry› (sich beeilen, etwas schnell erledigen), Berndeutsch: ‹hurti, hurtig› (schnell). Ebenfalls leiten sich daraus die lateinischen Wörter ‹currere› (rennen) und ‹cursus› (Lauf) ab: daraus entstanden schließlich die in der deutschen Gegenwartssprache üblichen Wörter ‹Kurs› (sowohl für einen Flusslauf, als auch für den Wechselkurs einer Währung, als auch für einen Sprachkurs oder Bastelkurs), ‹Kurier›, ‹kursiv›, ‹Curriculum› und einige mehr. Althochdeutsch ‹hross› wird Mittelhochdeutsch zu ‹ros›, Schwedisch ‹häst›, Isländisch ‹hestur› und Englisch durch Metatesis (vergleiche ‹Amuse-Bouche› 15, Seite 51) zu ‹horse›. Im süddeutschen Raum bleibt mancherorts ‹Ross› die neutrale Standardbezeichnung für das Tier. In der Hochsprache wird ‹Ross› ab dem 13. Jahrhundert zunehmend bloß poetisch verwendet oder meint nur ein edles Pferd eines Ritters. Das ebenfalls einheimische Wort ‹Gaul› geht auf Protoindoeuropäisch ‹*ghls› (bespritzen, benetzen, begießen, besamen) zurück (daraus auch ‹gießen›, ‹Guss›, Lateinisch ‹gutta = Tropfen›, Schweizerdeutsch ‹Gutsch = Schluck› etc.) und bezeichnet ursprünglich generell männliche domestizierte Tiere, also auch Schafbock, Eber, Stier.


Und nun zum Pferd: Das spätlateinische Wort ‹paraveredus›, Altitalienisch ‹palafreno› (von Dante in der ‹Divina Commedia› drei Mal verwendet), bezeichnete ein ‹Nebenpferd›, ein ‹Ersatzpferd›. Der Knappe führte für den Ritter oft ein Pferd mit, das mit Ersatzwaffen, Notvorrat, Material zur Wundversorgung und anderem Ersatzmaterial beladen war. Wurde das Ross des Ritters verletzt, konnte man das Material abladen und das Tier selbst als Ersatzpferd kampfbereit machen. — Seit dem 12. Jahrhundert wurde der ‹paraveredus› dann zum Mautpferd. Auf unwegsamen Strecken, etwa der Gotthard-Verbindung von Biasca nach Göschenen über den Pass und durch die Schölenen konnte einem Tier die Strapaze des ganzen Weges nicht zugemutet werden. Dafür gab es auf der Strecke Mautstellen (von Lateinisch ‹mutare = wechseln›), wo die erschöpften Tiere gepflegt, vorsorgt, ausgeruht und mit erholten Tieren ausgetauscht wurden. Aus ‹paraveredus› wurde Althochdeutsch ‹pfarifrit›, Mittelhochdeutsch ‹pfarit, pferit, pfært›, Neuhochdeutsch ‹Pfärt› oder ‹Pfert›, seit dem 17. Jahrhundert nur noch ‹Pferd›.

Soweit das ‹Pferdchen›, das ‹Pferchen› kommt demnächst.

Weil ich in den nächsten Wochen viel zu tun habe, poste ich diesen Artikel gleich hier und früher als geplant. Ich hoffe, dass mir nach dem neulichen Ausritt zu Pferd auch beim Eindringen ins Gehege keine allzu großen Schnitzer unterlaufen sind.

Bevor ich aber zum ‹Pferchen› komme, hier noch ein kleiner Nachtrag zum ‹Pferd›. Eine Leserin hat mich freundlicherweise darauf aufmerksam gemacht, dass ich im letzten Artikel die Herkunft des Wortes ‹paraveredus› selbst nicht angegeben habe. Das hole ich hiermit nach: Aus Griechisch ‹παρά› [pará] (neben, auf der anderen Seite) und Lateinisch ‹fero› (ich bringe, trage, transportiere). — Wenn man die weitere Entwicklung des Wortes ansieht, ist es sogar sehr wahrscheinlich, dass neben ‹paraveredus› auch die Schreibung ‹paraferedus› existierte, die halt nicht belegt ist.

Aus dem griechischen ‹παροικέω› [paroikéo] (ich wohne nebenan) leitet sich theoretisch ein leider nicht belegtes ‹*παροικία› [paroikía] (enge Nachbarschaft) ab. Belegt ist aber wenigstens das spätere gleichbedeutende mittellateinische ‹parochia›. Daher wäre es kaum zu erklären, wenn es den erwähnten Zwischenschritt nicht gegeben hätte. Zunächst war mit ‹enger Nachbarschaft› das soziale Verhältnis von Leuten in einem Weiler, in einem Quartier, in einem Kloster gemeint, wo jeder und jede über jeden und jede alles weiß — nicht unbedingt physisch eingeschlossen, abgeriegelt ist, sondern allenfalls gegen außen verschlossen, abweisend, argwöhnisch gegen Eindringlinge und Neuzuzüger. Erst später wurde die Bezeichnung, wie wir sehen werden, auf etwas materiell Verschließendes und Abriegelndes übertragen. Aber bleiben wir vorerst beim Lateinischen, das diese erste Deutung und Bedeutung im Wesentlichen beibehielt. Aus ‹parochia›, also ‹enge Nachbarschaft›, wurde die italienische ‹parrocchia› (Pfarrei), und derjenige, der die Pfarrei leitete und führte (und manchen in ihr auch verführte) war der ‹parroco› (Pfarrer, gelegentlich volksetymologisch auch zu Pfarrherr hyperkorrigiert; das Morphem ‹-er› steht nämlich bloß für eine Tätigkeit wie in Sportler, Schreiner, Metzger oder Chemiker. Man weiß ja nie, aber ich hoffe nicht, dass jemand das Bedürfnis entwickelt, je einen ‹Metzgherrn› zu kreieren).

Aus ‹parochia› (enge Nachbarschaft) entstand auch und praktisch zeitgleich das Wort ‹parricus› (geschlossener Raum) und damit kommt man dem Einschließen schon näher: Altenglisch ‹parrock› bedeutete genau dasselbe, und daraus entstand der Neuenglische ‹park› mit allen modernen Ableitungen wie ‹Parkanlage›, ‹Parkplatz›, ‹Parkhaus›, ‹parken›, ‹Parkverbot›, ‹Lunapark›, ‹Park and Ride› etc.Eine leicht andere, aber für diese Untersuchung bedeutsamere Richtung schlug das Wort im kontinentalen Germanischen ein: Althochdeutsch ‹perrih› und Mittelhochdeutsch ‹pferrich› bezeichnete nämlich nicht mehr das Eingeschlossene, sondern das Einschließende, das Abgrenzende: die Einfriedung selbst, die Umzäunung, Hecken, Mauern. Ein ‹Pferch› — oder in regionalen Varianten ‹Pförch› oder ‹Pfrenga› — war eine Umzäunung, meistens um Vieh unter Kontrolle zu halten und vor Wölfen oder Dieben zu schützen.

Bereits Mittelhochdeutsch entstand das Verb ‹pferrichen›, was jedoch bloß ‹in einem Pferch halten, hegen, behüten› bedeutete. Die Bedeutung von ‹unter Druck oder sogar mit Gewalt auf engstem Raum zusammenzwängen› bekam das Wort erst im 17. Jahrhundert. Weil das Verb mit dieser Bedeutung wiederholt in Briefen von Söldnern aus dem Waffendienst auftaucht, liegt die Vermutung nahe, dass es in der Soldatensprache die negative Konnotation erfahren hat.

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