Vor etwas mehr als einem Jahr hatte ich eine sehr schmerzhafte Infektion des äußeren Gehörgangs, eine Otitis externa, die dank eines Antiphlogistikums (Entzündungshemmer) — von ‹ἀντί› [anti] (gegen) plus ‹φλογιστός› [phlogistós] (Entzündung) — und eines antibiotischen Gels binnen weniger Tage vollkommen verheilt war oder zumindest verheilt schien. Zurückgeblieben ist ein nervenaufreibender Tinnitus. Ob die Entzündung des Gehörgangs die Ursache für das offenbar schwieriger zu behandelnde neue Leiden war, das mich seither quält, oder ob es sich um zwei zufällig gleichzeitig aufgetretene, aber unabhängige Erkrankungen handelt, weiß ich genauso wenig wie der an sich tüchtige, aber in diesem Fall erfolglose Hals-Nasen-Ohren-Arzt, bei dem ich in Behandlung bin. Immerhin tröstete mich der Arzt, als ihm keine weitere Behandlungsmöglichkeit mehr einfiel, damit, dass ein Tinnitus nicht selten spontan nachlasse oder sogar ganz verschwinde.
Nachgelassen hat das lästige Phantomgeräusch inzwischen tatsächlich. Und während ich darauf warte, dass Geduld und Hoffnung mir jene Erlösung bringen, die Medikamente offenbar nicht zu bieten vermögen, beschäftige ich mich mit dem eigentlichen Gegenstand dieser Kolumne: dem höchst merkwürdigen Wort ‹Tinnitus›! Aus dem Stegreif fiel mir kein griechischer oder lateinischer Stamm ein, von dem es abgeleitet sein könnte.
Wesentlich verständlicher und leichter erklärbar ist der medizinische Fachterminus ‹Akuphen›, Synonym von ‹Tinnitus›. Der Begriff setzt sich zusammen aus ‹ἀκούω› [akúo] (ich höre) und ‹ϕαίνομαι› [faínomai] (in Erscheinung treten). Der Begriff beschreibt also das Symptom präzise: Die betroffene Person hört ein vermeintliches Schallereignis als bloße akustische Erscheinung, die nicht durch eine Schallquelle verursacht wird.
Um die Etymologie des Wortes ‹Tinnitus› zu verstehen, muss man hingegen auf die Geschichte von dessen Verwendung zurückgehen. Das lateinische Wort ‹tinnitus› gab es bereits in der römischen Antike und meinte nicht die pathologische Fehlleistung des Gehörs, sondern das Klingeln eines Glöckchens. Es leitet sich ab vom lautmalerischen lateinischen Verb ‹tinnīre› (klingeln, bimmeln, bimbeln, schellen).
Nun ist aber nicht bei allen, die an ‹Tinnitus aurium› (Klingeln der Ohren) leiden, das Geräusch, das sie hören, das Bimmeln eines Glöckchens. In meinem Fall ist es beispielsweise eher ein Knistern, ein lautes Rauschen, ein Geräusch, wie man es von den heftigen Empfangsstörungen des Radios aus der Zeit vor dem Digitalradio kennt. Und dies sei, sagt mein Hals-Nasen-Ohren-Arzt, eher die Regel als die Ausnahme.
Für Deutschsprachige klingt ‹Tinnitus› allerdings nicht nach einem lautmalerischen Wort. Deutschsprachige würden ein Glöckchen eher mit ‹bim-bim› oder ‹kling-klingeling› assoziieren als mit ‹tin-tin›. Für Französisch- und Italienischsprachige hingegen macht ein Glöckchen tatsächlich ‹tin-tin› — beispielsweise gibt es auf Italienisch das Substantiv ‹il tintinnio› (das Bimmeln, das helle Klingeln von Glöckchen oder von geworfenen Münzen, die auf einen harten Grund aufschlagen). Und da beim akustischen Leiden, von dem hier die Rede ist, selten ein Glöckchen und schon gar nicht eine Münze erklingt, sonder viel häufiger ein kakophones Krächzen und Knarren, ziehen es italienische und französische Ärztinnen und Ärzte vor, von ‹acufene› und ‹acouphène› zu sprechen.


Kommentare 2
Wieder einmal eine schöne Wissensbereicherung über ein unschönes Phänomen.
Danke, lieber Alberigo!
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Danke, Angelika! Du motivierst mich immer, weiterzumachen und stets zu versuchen, das Beste anzustreben!