Wenn Synonyme getrennte Wege gehen

Alberigo Tuccillo Geschichte, Sprache, Wissenschaft 2 Kommentare

Viele Wörter verändern sich im Laufe ihrer Geschichte in Laut und Schreibung bis zur völligen Unkenntlichkeit, bewahren jedoch in ihrer Bedeutung einen gewissen engen Bezug zum Ursprung. Dies ist bei den meisten bisher in meinen Blogs untersuchten Wörter der Fall und in der Etymologie sogar die Regel. Tückischer sind die Wörter, die sich morphologisch über Jahrhunderte und über verschiedene Sprachräume kaum verändern, aber im zeitlichen Verlauf und in der topografischen Verbreitung völlig verschiedene Bedeutungen annehmen.

Manchmal haben Wörter in einer Fachsprache nicht dieselbe Bedeutung wie in der Alltagssprache. So beschrieb der Berliner Neurologe und Psychiater Carl Westphal 1871 die Angststörung, die durch offene weite Plätze und Räume ausgelöst wird — zum Beispiel das starke Unbehagen, einen weiten, leeren Platz zu überqueren oder während des Militärdienstes inmitten einer großen Halle schlafen zu müssen und wegen des großen Raumes nicht einschlafen zu können —, und er nannte diese Störung ‹Platzangst› (Angst vor dem Platz) oder mit dem wissenschaftlichen Kunstwort ‹Agoraphobie›, vom Griechischen ‹ἀγορά› [agorá] (Marktplatz) und ‹φόβος› [phóbos] (Angst). Tatsächlich wird in der Psychologie, in der Psychiatrie und in der einschlägigen Fachliteratur auch das deutsche Wort‹Platzangst› ausschließlich mir dieser Bedeutung verwendet:  Angst vor zu viel Platz, die Angst, wie der fliegende Robert aus dem ‹Struwwelpeter› vom Wind davongetragen zu werden, das dringende Bedürfnis, in einer Nische, in einem überschaubar engen Raum Schutz und Geborgenheit zu finden und empfinden! In der Umgangssprache bezeichnet der Begriff ‹Platzangst› jedoch das Gegenteil! Nicht die Angst vor dem Platz, sondern die Angst um den Platz, die Platznot, die Angst, aus der Enge nicht mehr entfliehen zu können, keine Luft mehr zu kriegen, also die freilich häufigere Neurose, die in der Fachsprache ‹Klaustrophobie› genannt wird, von Lateinisch ‹claustrum› (Schloss, Riegel, Verschluss).

Nachdem Duden eine gewisse Zeit beide Bedeutungen zuließ, ist man in der verlässlichen Instanz für alle Themen rund um die deutsche Sprache und Rechtschreibung inzwischen wieder etwas restriktiver: «In der Fachsprache der Psychologie wird nur die Agoraphobie, also die Angst, freie Plätze zu überqueren, mit Platzangst übersetzt. Die fachsprachliche Bezeichnung für die umgangssprachliche Bedeutung lautet dagegen ‹Klaustrophobie›!»

Und nun zum eigentlichen Thema dieses Artikels:

Die beiden Begriffe ‹Diät› und ‹Hygiene› gehören — anders als die eben erwähnte Platzangst — zu den medizinischen Fachtermini, die auch in der allgemeinen Sprache weitegehend dieselbe Bedeutung haben. Umgangssprachlich werden beide Begriffe ohnehin erst seit dem frühen 20. Jahrhundert verwendet und dies stets im Kontext richtiger oder vermeintlicher medizinischer Empfehlungen. Allerdings haben diese Wörter in mehr als zweitausend Jahren einen mehrfachen Bedeutungswandel erlebt und waren ursprünglich sogar deckungsgleiche Synonyme. ‹Diät› und ‹Hygiene› sind — anders als die größere Zahl medizinischer Fachausdrücke — keine aus griechischen und lateinischen Wortelementen neu erschaffene Kunstwörter, sondern wurde bereits in der Antike in der vornehmlich philosophischen Bildungssprache verwandt.

Diät, Griechisch ‹δίαιτα› [díaita], bedeutete ursprünglich ‹richtige Lebensführung›. Damit war jedoch nicht, oder höchstens am Rande, eine bestimmte Weise der Ernährung, schon gar nicht zum Zweck der Regulierung des Körpergewichts oder der Gewichtsabnahme gemeint. Unter einer ‹richtigen Lebensführung› verstand man alles, was der Würde, dem Ansehen, dem Erfolg, dem Wohlstand, der Zufriedenheit und dem Glück eines freien Mannes (nicht eines Sklaven) förderlich war: Ethik, Moral, Aufrichtigkeit, Religiosität und Pflege des Brauchtums, Pflege der Sprache und der Ausdrucksweise, geschickter Umgang mit Geld und Gütern, Behandlung von Sklaven, Kindern und Frauen. In römischer Zeit verlagerte sich das Bedeutungsfeld des Begriffs ganz auf das Materielle, vor allem auf das Sichern des Lebensunterhaltes. Im 16. Jahrhundert wurde der inzwischen kaum mehr benützte Begriff von Paracelsus wiederbelebt, jedoch mit einer völlig neuen Bedeutung belegt: Er verstand darunter die schädliche oder heilsame Dosierung von Giften und Arzneien. Erst im 18. Jahrhundert, doch nur im deutschsprachigen Raum, begann der Begriff sich allmählich der heutigen Bedeutung anzunähern und bestimmte Ernährungsweisen und Kostformen zu bezeichnen. Hygiene, Griechisch ‹ὑγίεια› [hygíeia] (Gesundheit in einem weiteren Sinn) von ‹ὑγιεινή τέχνη› [hygieinḗ téchnē] (der Lebensqualität dienende Kunst) war zum einen die Lehre von der Gesunderhaltung des Körpers einzelner Individuen oder einer Allgemeinheit, zum anderen die Gesamtheit der Maßnahmen zur Erhaltung und Verbesserung der Lebensqualität und des Wohlbefindens, was auch Vorschriften und Empfehlungen zur richtigen Einstellung gegenüber den Gottheiten, gegenüber der Familie, dem Staat, der Freundschaft, der Sexualität, der Politik und der Bildung umfasste. Hygieia war die Göttin des Wohlbefindens und der Harmonie von Körper und Seele. Man könnte also sagen, dass all das als hygienisch bezeichnet wurde, was im Sinn und im Geiste der Göttin war. — Die heutige Bedeutung bekam der Begriff im 19. Jahrhundert durch die Erkenntnisse und Publikationen von Forschern wie Robert Koch, Louis Pasteur, Paul Ehrlich, Rudolf Virchow und anderen und dank der zunehmenden Bewusstheit über die Zusammenhänge von Sauberkeit und Verhütung von Infektionskrankheiten.

Kommentare 2

  1. Wie kommen dann die Abgeordnetenentschädigungen (Diäten) zu ihrem Namen? Steht das in irgend einem Zusammenhang?

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      Sehr gut, Sabina! Es ist genauso, wie du vermutest. Die Diät war sowohl in der Republik als auch während des Kaiserreichs ein variierender Geldbetrag, den der römische Staat den Senatoren abgab, damit es ihnen ‹gut gehen› würde. Das Wort wurde im Frühmittelalter nicht mehr mit dieser Bedeutung verwendet, aber im Hochmittelalter in den reichen italienischen Städten Florenz, Venedig, Genua, Pisa, Amalfi wieder aufgenommen. Italienisch werden auch heute etwa Sitzungsgelder — zum Beispiel für Verwaltungsratsmitglieder oder Europarlamentarier — ‹dieta› genannt.

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