Nathan der Weise

Rattenfänger: Lessing, «Nathan der Weise»

Alberigo Tuccillo Kunst und Kultur, Literatur, Theater Schreibe einen Kommentar

Seit über dreißig Jahren ist die Theatergruppe «Rattenfänger» eine der geschätztesten und beliebtesten Konstanten im Kulturleben der Region. Nur einmal, im Corona-Jahr 2020, gab es keine Produktion. Die andern Jahre zuvor, soweit ich mich zurückerinnern kann, haben sich alle Inszenierungen durch besonderen Mut und durch eine dramaturgische Seriosität ausgenommen, die man auf Laienbühnen selten sieht. Laienschauspieler sind die Rattenfänger denn auch nur insofern, als sie neben ihrer Arbeit auf der Bühne auch anderen Berufen nachgehen, doch mit dem Amateurtheater im üblichen Sinn hat die Muttenzer Theatergruppe wenig gemeinsam. «Wir spielen kein Volkstheater im billigen Sinn», meint mit Fug und Recht Danny Wehrmüller, Regisseur und Verfasser der sehr klug gekürzten Spielfassung der diesjährigen Produktion.

So haben sich die «Rattenfänger» nach Albert Camus, Molière, Henrik Ibsen, Johann Wolfgang Goethe, Bertolt Brecht, Heinrich Kleist, Friedrich Dürrenmatt, William Shakespeare, Ödön von Horváth und anderen höchst anspruchsvollen Klassikern für Gotthold Ephraim Lessing entschieden: Nathan der Weise.

Wie für jeden, der sich mit deutscher Literatur, insbesondere mit deutschem Theater beschäftigt oder auch bloß ein deutschsprachiges Gymnasium besucht hat, ist auch für Wehrmüller der Nathan — Lessings letztes Werk — seit jeher ein Pfeiler der Weltliteratur. Der Hauptgrund dafür, dass er es heute auf die Bühne bringt, ist, wie er sagt, dass das Stück «nie aufhört, aktuell zu sein». In der Tat wirkt das 1783 uraufgeführte, aber bereits 1750 entworfene Drama auf ein heutiges Publikum wie ein zeitgenössisches Stück. Und dies war der Nährboden, auf dem Wehrmüllers brillante Eigebung keimen konnte: Das Bühnenbild ist karg, fast ausschließlich auf abstrakte Symbolik reduziert, die Kostüme zeitlos, zum Teil gar keiner Zeit zuzuordnen, jedenfalls nie historisierend, der Text von üppigem deskriptivem Ballast befreit, auf das handlungsmäßig Relevante verdichtet, aber — und darin liegt ein erstaunlicher Reiz — in Lessings Sprache des ausgehenden achtzehnten Jahrhunderts belassen! Dies verleiht der Inszenierung einen nicht zeitgebundenen, allgemein gültigen Charakter wie jenen eines mathematischen Theorems. Ein dramaturgischer Wurf!

Die Handlung spielt an sich, was in Wehrmüllers Konzeption keine Relevanz hat, zur Zeit des Dritten Kreuzzuges (1189–1192): ein Waffenstillstand in Jerusalem.

Der reiche Jude Nathan kommt von einer Geschäftsreise zurück und erfährt, dass seine Pflegetochter Recha von einem christlichen Tempelherrn aus dem brennenden Haus gerettet worden ist. Der Ordensritter wiederum verdankt sein Leben Saladin, dem muslimischen Herrscher Jerusalems. Der Sultan hat ihn seinerseits als einzigen von zwanzig Gefangenen begnadigt, weil er seinem verstorbenen Bruder Assad ähnlich sieht. Der rational denkende Nathan ist trotz dieser glücklichen Umstände nicht bereit, ein Wunder zu vermuten oder gar zu erkennen. Er überzeugt auch Recha davon, dass es töricht sei, an Schutzengel zu glauben. 

Der in Geldangelegenheiten ohne Umsicht agierende Saladin befindet sich, was nicht erstaunt, in finanziellen Schwierigkeiten. Auf Rat seiner berechnenderen Schwester Sittah lässt er Nathan zu sich bringen, um dessen weit herum gerühmte Großzügigkeit zu testen. Aber statt direkt einen Kredit zu erbitten, gibt Saladin vor, Nathans ebenfalls überall gepriesene Weisheit auf die Probe stellen zu wollen. Er fragt ihn, welche Religion seiner Ansicht nach die wahre sei. Nathan durchschaut die List und beantwortet Saladins Frage mit einem Märchen, der später so genannten ‹Ringparabel›. 

Die Ringparabel wird in Giovanni Boccaccios ‹Dekameron› erzählt, dritte Novelle des ersten Tages. Weil sie so kurz und entzückend ist, habe ich sie ungekürzt in einem eigenen Blog-Beitrag https://tuccillo.ch/von-den-drei-ringen/ veröffentlicht, statt sie zusammenzufassen.

Saladin ist beeindruckt und versteht das Gleichnis auf Anhieb als Beweis der Gleichwertigkeit der monotheistischen Religionen. Von Nathans Menschlichkeit berührt, bittet er ihn, von nun an dessen Freund sein zu dürfen. Nathan willigt ein und gewährt Saladin, ohne dass er ihn darum gebeten hat, ein beachtliches Darlehen.

In der Folge — das ist Lessings Genialität und Virtuosität — stellt sich nach und nach in einer verblüffenden und dennoch plausiblen Geschichte, die hier nicht zerlegt werden soll, heraus, dass alle beteiligten Personen miteinander verwandt sind und erst recht keinen Anlass haben, füreinander etwas anderes zu empfinden als Gemeinsinn, Fürsorglichkeit und Rücksichtnahme.

Wehrmüller setzt Lessings Figuren wie gesagt in die Gegenwart: Der reiche Nathan, dargestellt von Peter Wyss, ist in seiner Weltoffenheit ein Geschäftsmann der globalisierten Welt, trägt einen schwarzen Anzug mit weißem Hemd und kommt mit einem Trolley wohl eben vom Flughafen nach Hause zurück. Die Gesellschafterin Daja, dargestellt von Natalie Müller, passt ebenso ins einundzwanzigste Jahrhundert wie der christliche Tempelherr (Joeri Schaffner) und Tochter Recha, dargestellt von Orina Vogt. Einen weiteren Coup de théâtre zaubert Wehrmüller dadurch, dass er den grausamen, Angst verbreitenden Patriarchen, hervorragend dargestellt von Niggi Reiniger, nicht aktualisiert, sondern gleichsam als Anachronismus im Anachronismus, mithin als Fremdkörper, als einzige Figur ohne Daseinsberechtigung in einem pompösen, skurrilen Gewand wie aus ‹Tausend und einer Nacht› auftreten lässt. Liebling der Inszenierung — wahrscheinlich nicht nur für mich — ist die von Livia Studer zum Verlieben gespielte, schlaue, lustige, quirlige, heimlichfeiße Nonne. Die wohl schwierigste Aufgabe hatte Natalie Müller als überzeichnete, outrierte Gesellschafterin Rechas zu bewältigen, was ihr bravourös gelang. Ich hätte sie nicht die ganze Zeit am Rand des emotionalen Kollaps und völlig überdreht spielen lassen, sondern sie jeweils durch die Ereignisse und Situationen schnell in ihren — meiner Meinung nach umso lustigeren — überbordenden, ausufernden Zustand versetzt. Aber Wehrmüllers Entscheidung hat schon seine Logik und Berechtigung, und diese meine Bemerkung will mitnichten beckmessern.

Bald ist schon Dernière. Wer es noch schafft, einer der letzen Vorstellungen beizuwohnen, sollte die Gelegenheit nicht verpassen. Ein Besuch lohnt sich — und ob er sich lohnt!

Nathan, ein reicher JudePeter Wyss
Recha, dessen angenommene TochterOrina Vogt
Daja, eine Christin, Gesellschafterin der RechaNatalie Müller
Ein junger TempelherrJoeri Schaffner
Sultan SaladinMaurice Koller
Sittah, dessen SchwesterMona Ziems
Al Hafi, hinduistischer Bettelmönch, Freund des NathanThomas Kühl
Der PatriarchNiggi Reiniger
Eine NonneLivia Studer


Spielfassung und RegieDanny Wehrmüller
Bühnenbild und KostümeKurt Walter
TechnikSin Knobel

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